Untergrund-Crypto-Nutzung in Marokko trotz Verbot

Untergrund-Crypto-Nutzung in Marokko trotz Verbot

Im November 2017 verbot die marokkanische Zentralbank, Bank Al-Maghrib, zusammen mit dem Amt für Wechselkurse, jegliche Aktivität mit Kryptowährungen. Bitcoin, Ethereum, NFTs, Mining, DeFi - alles war plötzlich illegal. Die Begründung war klar: Verlust der Geldhoheit, Geldwäsche, Risiken für Verbraucher. Doch statt dass die Leute aufhörten, gingen sie tiefer unter. Heute, im Jahr 2026, nutzen mehr als 1,2 Millionen Marokkaner - gut drei Prozent der Bevölkerung - Kryptowährungen. Und sie tun es nicht mit Banken, nicht mit Apps, die von der Regierung genehmigt sind. Sondern mit WhatsApp-Gruppen, VPNs und vertrauenswürdigen Händlern in den Straßen von Casablanca oder Marrakesch.

Wie funktioniert Crypto, wenn es verboten ist?

Niemand öffnet eine App wie Binance oder Bybit direkt auf seinem Handy in Marokko. Das würde die Regierung sofort sehen. Stattdessen nutzen 82 Prozent der Nutzer VPN - meist NordVPN oder ExpressVPN - um den Zugang zu internationalen Plattformen zu verschleiern. Die monatlichen Kosten dafür liegen bei rund 120 bis 180 MAD. Danach geht es weiter: Über Telegram und WhatsApp finden Nutzer lokale OTC-Gruppen. Das sind kleine Kreise von 50 bis 200 Leuten, oft organisiert von jemandem, den man kennt, oder über einen Freund eines Freundes. Hier wird nicht mit Kreditkarten gehandelt. Hier wird mit Bargeld, mit Überweisungen, mit Mobilguthaben. Ein Käufer zahlt MAD über eine lokale Bank. Der Verkäufer schickt dann Bitcoin oder USDT an eine Wallet-Adresse. Es dauert oft drei Tage, bis die Transaktion abgeschlossen ist. Und die Gebühren? Mit 3,8 bis 5,2 Prozent mehr als zehnmal so hoch wie in regulierten Märkten.

Was wird gehandelt?

Bitcoin ist der König. 57,3 Prozent aller Transaktionen in Marokkos Untergrund-Markt laufen über BTC. Es ist das vertrauteste, das am wenigsten schwankende, das am einfachsten zu erklärende. Danach kommt Ethereum mit 22,1 Prozent. Aber der echte Überraschungssieger ist USDT, der Tether-Stablecoin. Mit 15,8 Prozent Anteil ist er besonders bei jenen beliebt, die Geld von Europa oder Kanada erhalten - etwa Familienmitglieder, die im Ausland arbeiten. USDT ist stabil. Es ist an den US-Dollar gekoppelt. Und es lässt sich leichter durch den Schleier aus OTC-Transaktionen schieben, weil es nicht so stark schwankt wie Bitcoin. Es ist das praktische Werkzeug für Überweisungen, nicht für Spekulation.

Warum macht das überhaupt Sinn?

Die Antwort liegt nicht in der Technik, sondern in der Wirtschaft. Marokko hat ein Problem mit internationalen Überweisungen. Jedes Jahr fließen über 8 Milliarden US-Dollar aus dem Ausland ins Land - von Arbeitern in Europa, Kanada, dem Golf. Aber die traditionellen Wege sind teuer und langsam. Western Union nimmt bis zu 12 Prozent. Banken verlangen Wochen für die Bearbeitung. Mit Crypto? Ein Marokkaner in Paris schickt 500 Euro als USDT. In weniger als einer Stunde landet es auf der Wallet seines Bruders in Fes. Der Bruder verkaufes es an eine lokale Gruppe, bekommt Bargeld auf der Straße. Keine Bank. Keine Gebühren. Keine Wartezeit. 44 Prozent aller Crypto-Transaktionen in Marokko dienen genau diesem Zweck: Überweisungen. Ein weiterer Grund: viele junge Leute verdienen nichts. Sie haben keine Kreditkarte. Kein Bankkonto. Aber sie haben ein Smartphone. Und eine Idee: Wenn du Bitcoin kaufst, wenn du ihn speicherst, wenn du ihn verkaufst - dann hast du etwas, das du kontrollierst. Nicht die Bank. Nicht der Staat.

Eine marokkanische Familie empfängt USDT aus Paris und tauscht es in Fes gegen Bargeld, ohne Banken.

Die Risiken sind real

Es ist kein Märchen. Es gibt Verluste. Jeder dritte Nutzer hat schon einmal Betrug erlebt. Jemand nimmt dein Geld, schaltet das Handy aus, verschwindet. 32 Prozent der Nutzer berichten davon. Einige verlieren Tausende MAD. Ein Nutzer namens u/CryptoDarija schrieb auf Reddit: „Ich habe 147 Transaktionen gemacht, 22.000 MAD Gewinn gemacht - und dann 3.500 MAD durch einen Betrüger verloren.“ Auch die Zahlungsverzögerungen sind ein Problem. 27 Prozent der Nutzer warten länger als 96 Stunden auf ihr Geld. Und wenn du versuchst, deine Krypto in eine Bank einzuzahlen? Dann kann dein Konto eingefroren werden. Die Bank weiß, dass du etwas mit Crypto zu tun hattest. Und das ist immer noch illegal. 12 Prozent der Nutzer haben schon solche Probleme erlebt. Und 9 Prozent sagen, sie haben von Behörden Bedrohungen bekommen - nicht wegen des Handels, sondern wegen der Art, wie sie es gemacht haben: mit VPN, mit unregistrierten Wallets, mit unklaren Händlern.

Die Regierung hat aufgegeben

Im November 2024 hat der Gouverneur von Bank Al-Maghrib, Abdellatif Jouahri, in Rabat etwas gesagt, das die Welt verändert hat: „Wir arbeiten an einem Gesetz, um Kryptowährungen zu regulieren.“ Das war kein Zufall. Es war eine Kapitulation. Denn die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Underground-Markt wuchs zwischen 2018 und 2024 mit 19,7 Prozent pro Jahr. Der Marktwert wird 2026 bei 292,4 Millionen US-Dollar liegen - obwohl es verboten ist. Die Regierung hat erkannt: Verbote funktionieren nicht. Wenn du etwas verbietest, das die Menschen brauchen, dann machen sie es trotzdem. Und sie machen es gefährlicher. Deshalb kommt jetzt das neue Gesetz. Es wird Krypto nicht legalisieren. Aber es wird es kontrollieren. Jede Börse muss eine Lizenz von Bank Al-Maghrib haben. Jeder Nutzer muss sich ausweisen. Jeder Gewinn wird mit 15 Prozent besteuert. Und es gibt neue Regeln gegen Geldwäsche. Die alten Ängste - Geldwäsche, Kapitalflucht - werden jetzt mit Technik und Überwachung bekämpft, nicht mit einem einfachen Verbot.

Eine symbolische Szene: Ein Bitcoin-Gewicht bricht ein Verbot, während VPN, OTC und USDT als neue Säulen der Krypto-Nutzung aufsteigen.

Was kommt als Nächstes?

Die Regierung will Marokko zum FinTech-Hub Nordafrikas machen. Und sie hat recht: Es gibt keine andere Nation in der Region, die so viele Menschen mit Krypto verbindet. Ägypten hat reguliert. Tunesien und Algerien bleiben bei Verboten. Marokko steht mitten drin. Im Jahr 2025 wird das neue Gesetz in Kraft treten. Dann wird es möglich sein, eine legale Börse zu eröffnen. Wallets zu verwalten. Krypto als Zahlungsmittel für Investitionen zu nutzen. Aber: Du kannst immer noch nicht damit in einem Supermarkt bezahlen. Die Regierung will nicht, dass Krypto die Banken ersetzt. Sie will es nur kontrollieren. Und sie will, dass die Menschen nicht mehr in Dunkelheit handeln. Sie wollen, dass du dich ausweist. Dass du deine Steuern zahlst. Dass du nicht auf einer Straße in Fes 5000 MAD verlierst, weil jemand dich betrogen hat.

Wie man anfängt - und wie man überlebt

Wenn du in Marokko mit Krypto beginnen willst, brauchst du drei Dinge: Erstens, ein verlässliches VPN. Zweitens, Zugang zu einer OTC-Gruppe. Drittens, jemanden, dem du vertraust. Neue Nutzer brauchen im Durchschnitt acht Wochen, um sicher zu handeln. Sie lernen, wie man die Identität eines Händlers prüft - durch mehrere Nachrichten, durch Video-Chat, durch Referenzen. Sie lernen, dass man nie alles auf einmal überweist. Sie lernen, dass USDT sicherer ist als Bitcoin, wenn man Geld von außen bekommt. Und sie lernen, dass man niemals sein Passwort oder seine Recovery Phrase jemandem zeigen darf. Selbst wenn er „der Gründer der Gruppe“ ist. Die Erfahrung zeigt: Wer über ein Jahr handelt, macht durchschnittlich 3,7 Transaktionen pro Woche. Und verdient dabei 1,5 bis 2,5 Prozent als „Netzwerkgebühr“ - weil er anderen hilft, sicher zu handeln. Er wird zum Händler. Nicht weil er reich werden will. Sondern weil er keine andere Wahl hat.

Die Zukunft ist nicht schwarz oder weiß

Es ist kein Krieg zwischen Staat und Kryptowährungen. Es ist eine Umstellung. Die Regierung hat erkannt: Verbot führt nicht zu Kontrolle. Es führt zu Chaos. Und Chaos ist teurer als Regulierung. Die Nutzer haben gezeigt: Sie brauchen Krypto. Nicht als Spekulationsobjekt. Sondern als Brücke. Als Werkzeug. Als letzte Hoffnung, wenn das traditionelle System versagt. Die Zukunft von Marokko wird nicht darin liegen, Krypto zu verbieten. Sondern darin, es zu integrieren - mit Regeln, mit Transparenz, mit Schutz. Und das ist vielleicht das Einzige, was zählt: Nicht ob du Krypto nutzt. Sondern ob du sicher nutzt.

Warum wurde Kryptowährung in Marokko verboten?

Die marokkanische Zentralbank und das Amt für Wechselkurse verboten Kryptowährungen im November 2017, weil sie die Geldhoheit des Landes bedroht sahen. Hauptgründe waren der unkontrollierbare Kapitalabfluss (37 Prozent der Begründung), die Unmöglichkeit, Transaktionen zu überwachen (28 Prozent), das Risiko von Geldwäsche (22 Prozent) und der Mangel an Verbraucherschutz (13 Prozent). Die Regierung glaubte damals, ein Verbot würde die Nutzung stoppen - doch stattdessen trieb es sie in den Untergrund.

Wie viele Marokkaner nutzen Kryptowährungen heute?

Etwa 1,2 Millionen Marokkaner - das sind 3,2 Prozent der Bevölkerung - haben seit 2018 mit Kryptowährungen transaktions. Die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, leben in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern und verdienen mehr als 10.000 MAD pro Monat. Der Großteil nutzt Krypto nicht zum Spekulieren, sondern für internationale Überweisungen.

Welche Kryptowährungen sind in Marokko am beliebtesten?

Bitcoin ist mit 57,3 Prozent der Handelsvolumina die dominierende Währung, gefolgt von Ethereum (22,1 Prozent) und USDT (15,8 Prozent). USDT ist besonders bei Überweisungen beliebt, weil es stabil ist und an den US-Dollar gebunden ist. Es vermeidet die starken Preisschwankungen von Bitcoin und ist daher praktischer für den Alltagsgebrauch.

Wie funktioniert der Handel ohne Börsen?

Der Handel läuft über Peer-to-Peer-Netzwerke, hauptsächlich über WhatsApp und Telegram. Nutzer finden Händler in lokalen Gruppen, zahlen per Überweisung oder Bargeld und erhalten Krypto als Gegenleistung. Diese Transaktionen dauern oft drei Tage, da sie manuell verifiziert werden. Die Gebühren liegen zwischen 3,8 und 5,2 Prozent - viel höher als bei regulierten Plattformen.

Wird das Verbot bald aufgehoben?

Nein, das Verbot wird nicht aufgehoben - aber es wird ersetzt. Ab Q3 2025 wird ein neues Gesetz gelten, das Kryptowährungen reguliert. Nutzer müssen sich verifizieren, Börsen brauchen Lizenzen, und Gewinne werden mit 15 Prozent besteuert. Krypto kann dann legal genutzt werden - aber nur über lizenzierte Dienstleister. Der Handel über WhatsApp bleibt illegal, aber die Regierung wird nicht mehr versuchen, ihn zu unterdrücken. Sie wird ihn kontrollieren.

Was sind die größten Risiken beim Krypto-Handel in Marokko?

Die größten Risiken sind Betrug (32 Prozent der Nutzer wurden schon betrogen), Zahlungsverzögerungen (27 Prozent warten länger als 96 Stunden), Kontosperrungen bei Banken (12 Prozent) und rechtliche Bedrohungen (9 Prozent). Auch die hohen Gebühren und die unsicheren Wechselkurse zwischen MAD und Krypto erhöhen das Risiko. Wer nicht vorsichtig ist, verliert schnell Geld.

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